Biodiversität

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Was ist Biodiversität?

Biodiversität – oder Biologische Vielfalt, ist das wirklich mehr als ein Mode- oder ein Schlagwort? Was sagt es aus? Sagt es überhaupt etwas aus oder wollen wir mit diesem Begriff nur etwas schwer Fassbares elegant umschreiben?

Das Leben war und ist immer vielfältig. Nur wir Menschen sind bestrebt, alles technisch zu vereinheitlichen, zu vereinfachen, zu standardisieren. Doch genau genommen gelingt uns nicht einmal das, und wir sind zugegebenermaßen auch noch froh darüber, mitunter sogar stolz darauf: So viele Karossen einer Baureihe auch über das Fließband laufen mögen, spätestens in der Lackierung beginnt die Unterscheidbarkeit. Sobald ein Auto „sein“ Nummernschild trägt, lässt es jeden seiner Besitzer und Fahrer auch seine individuellen Macken spüren und erwirbt im Gegenzug bald auch seine nur ihm eigenen Gebrauchsspuren. Industriell gefertigte Zäune, Nägel, Schrauben und Bausteine, Brötchen, Kleidung, Möbel und Zahnbürsten – oft ist es erst die Zeit, die uns bestehende und erworbene Unterschiede erkennen lässt, wenn wir denn überhaupt fähig und willens sind, diese zu bemerken oder einen Wert darin sehen, den zu erwerben es für uns lohnt.

Doch wie ist es in der Natur? Kommen beispielsweise eineiige Zwillinge zur Welt, wird eines der Kinder immer das erstgeborene bleiben. Mit zunehmendem Alter wollen und werden sich die genetisch identischen Zwillinge differenzieren, auch und insbesondere dann, wenn sie nicht getrennt voneinander aufwachsen wie Erich Kästners Romanfiguren Luise Palffy und Lotte Körner. Wer möchte schon freiwillig auf seine Identität, auf sein eigenes Leben verzichten und sich ausschließlich als Kopie, Doppelgänger und schlimmstenfalls als Ersatzteillager eines anderen Wesens definieren? Gute Psychologen, Schauspieler und Schriftsteller leiden darunter, fremde Identitäten zu lange und zu tief an die eigene herangelassen, diese darüber vielleicht sogar beschädigt, verändert oder schlimmstenfalls verloren zu haben.

Evolutionär hat immer das fitteste Individuum überlebt, meinte der bibelfeste Charles Darwin augenzwinkernd, wohl wissend, dass immer auch ein Quentchen Glück dazu gehört – oder soll man es treffender Zu-Fall nennen? „Es ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen‘s auf. Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten‘s. Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Lukas-Evangelium Kapitel 8, Vers 5-8).

Nicht immer kann oder möchte man begreifen, was man sieht, nicht immer verstehen, was man hört.Es ist das Verdienst der großen Naturforscher, uns die Tore zu den Welten der Mikroben, der Pilze, der Tiere und der Pflanzen einen Spalt weit geöffnet zu haben. Meist sind wir viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um in eine dieser wundersamen Sphären einzutauchen, viel zu befangen in unserer eigenen, von Menschenhand geschaffenen Welt, um die Komplexität anderer Wirklichkeiten auch nur ansatzweise zu erfassen. Unsere Arbeit darf schwierig, unsere Familienverhältnisse dürfen kompliziert sein, unsere Gesetze und unsere Sprache dürfen es ebenso wie die gesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen wir leben und alles andere auch, was uns unmittelbar betrifft. Doch schon die Götterwelten der Germanen, der alten Griechen und der Azteken wurden uns zu unübersichtlich und mussten in geschichtlicher Zeit gewaltsam vereinfacht werden. Andererseits scheint ein moderner, rein monotheistisch begründeter Glaube eine Spaltung und Gewaltenteilung regelrecht herauszufordern. Im Falle des Christentums ist es je nach Ausprägung mindestens die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Mehr noch, sind der furchterregende, zornige Gott des Alten Testaments und der liebende Vater des Neuen tatsächlich identisch? Sind wir mit Atombomben hantierenden Kinder unserer früher nur mit einfachen Keulen, Pfeil und Bogen bewaffneten Ahnen so viel besser geworden als diese? Hat etwa Er sich verändert?

Nicht viel anders verhält es sich mit der Biodiversität. In der großen nationalen und internationalen Politik hat man sich auf den Dreiklang von Lebensraumvielfalt, Artenvielfalt und innerartlicher oder genetischer Vielfalt geeinigt. Komplizierter sollte es möglichst nicht sein, ja darf es offenbar nicht mehr werden. Warum auch? Ein vierbeiniger Stuhl kann kippeln, ein dreibeiniger steht fest.

Unser Ansatz

Bei unserem Ansatz für das Programm Black Turtle geht es uns nur um einen kleinen, für die Menschheit aber wesentlichen Ausschnitt aus dem Großen und Ganzen, um die Agrobiodiversität, um die landwirtschaftlich und gärtnerisch relevante Vielfalt. Die domestizierten Tierarten schließen wir dabei ebenso großzügig aus wie alle nicht als Gemüse verwendbaren Pflanzenarten.

Was bleibt uns dann noch? Der Acker, das Beet, sogar der Balkonkasten wird als Lebensraum wahrgenommen und in der Regel sorgsam betreut. Neben der Gemüse-Artenvielfalt gibt es je nach Pflege mehr oder weniger zahlreiche Unkräuter; aber auch Tierarten bevölkern ihn, Pilze und Mikroben. Bei den Gemüsearten säen und pflanzen wir alte, fast vergessene Sorten und bewegen uns damit auf der infraspezifischen, auf der sogenannten genetischen Ebene. Wir beginnen häufig mit nur einer, dann mit wenigen Sorten und tasten uns so Schritt für Schritt an die Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten dieser Gemüse heran und an die Mischkulturtechnik, denn Monokulturen sind bekanntlich anfälliger für Krankheiten und Schädlinge als Arten- und Sortenmischungen.

Übrigens, obwohl alle Pflanzen einer x-beliebigen Sorte einander äußerlich ähnlich sehen, sind auch sie Individuen, genau wie die beiden Mädchen in Erich Kästners Roman „Das doppelte Lottchen“.

Jeder Acker, jedes Hochbeet, jeder Balkon trägt nun bald seine eigene Handschrift – jedenfalls immer eine ganz andere als die meisten Äcker, Beete und Balkone in der Umgebung – und das ist erst der Anfang.