Wie gesund sind eigentlich "alte Sorten"?

Im Vergleich mit neuen Sorten gemeint, ist das schon eine ziemlich merkwürdige Frage. Warum sollten „alte Sorten“ denn gesünder sein als jüngere, moderne? Alte Menschen sind doch auch nicht unbedingt gesünder und fitter als Kinder und Jugendliche, oder?

Um das zu verstehen, hilft uns wieder die Unterscheidung zwischen vegetativer Vermehrung, z.B. über Teilung oder Veredlung, und generativer, also über Samen reproduzierter Sorten weiter. Aus der vegetativen Vermehrung gehen sogenannte Klonsorten hervor: Alle Individuen stammen von einem Sämling ab. Sie sind genetisch identisch – und exakt so alt wie der ursprüngliche Sämling der betreffenden Sorte. Für Obst- und Rebsorten, aber auch bei Kartoffeln werden ausschließlich vegetative Vermehrungstechniken angewendet. Es gibt wunderbar aromatische und zudem gesunde, reich tragende, sehr alt werdende, da als Hochstämme gezogene Obstsorten, die seit Jahrhunderten ohne Kunstdüngung und chemischen Pflanzenschutz erstklassige Früchte hervorbringen, und es gibt moderne Obstsorten, die an den Spalieren der maschinell bewirtschafteten Intensivanlagen gezogen, den Einsatz der kompletten Bandbreite synthetischer Mittel erfordern, um es ihnen gleich zu tun.

Im Obst- und im Weinbau, auch bei Rosen, konnte die natürliche, die generative Vermehrung über Saatgut noch nie praktiziert werden. Die Sämlinge dieser durch den Wind oder von Insekten fremdbestäubten Arten fallen einfach viel zu unterschiedlich aus. Daher ist die generative Phase nur in der Neuzüchtung und in der Vermehrung von Sämlings-Unterlagen gebräuchlich, auf die bei Gehölzen ein Edelreis, mitunter sogar nur ein Auge der gewünschten Sorte veredelt wird. So kann man besonders wertvolle Pflanzen sehr schnell und sehr weit verbreiten. Die Eigenschaften der Unterlage prägen den Wuchs des Baumes – bzw. bei Rosen des Strauches. Noch rasanter geht die Vermehrung übrigens, wenn in darauf spezialisierten Labors pflanzliche Zellen und Gewebe kultiviert werden, eine heute durchaus häufig angewendete Methode.

Eine Möglichkeit, das Geheimnis um die unterschiedliche Gesundheit von Sorten zu lüften besteht darin, einen Blick auf den jeweiligen Stammbaum zu werfen. Nehmen wir beispielsweise die Apfelsorten ‘Cox Orange‘ (1825, England), ‘Golden Delicious‘ (1890, USA) und ‘Jonathan‘ (1826, USA). Alle drei sind in der Kultur eher anspruchsvoll, konkurrenzschwach und anfällig für allerlei Krankheiten, werden aber dennoch von den Obstzüchtern bevorzugt immer und immer wieder miteinander und mit ihren Nachkommen gekreuzt, weil sie hinsichtlich Aussehen und Geschmack, aber auch in solchen Merkmalen wie Robustheit bei Ernte, Transport und Lagerung unschlagbar sind. Bei dieser fortgesetzten Inzucht nimmt die Krankheitsanfälligkeit eher zu, obwohl dank der Anwendung moderner Methoden das eine oder andere Gen besonders gesunder Wildarten eingeschleust werden konnte. Kurzstielige Äpfel lassen sich übrigens schwerer pflücken, kleine oder zu große, unauffällig gefärbte und leicht verderbliche schlechter vermarkten. Seine meist etwas rauhe Schale erleichtert es uns, den ‘Schönen aus Boskoop‘ (1856, Niederlande) zu erkennen, falls wir denn nach ihm suchen. Optisch macht er neben den anderen, farbenfroh glänzenden Sorten auf dem Markt nämlich leider keine besonders gute Figur, doch dafür punktet er mit seinem unverkennbaren Geschmack. Kantige Äpfel wie die delikaten Kalville rollen leider auf dem Fließband nicht, kommen daher gar nicht erst in den Handel. Die Früchte dünnschalige Sorten zeigen auffallende Druckstellen und erleiden schnell Beschädigungen. Sie werden nach dem Transport bald unansehnlich. Aufgeschnittene Apfelstücke bräunender Sorten verschmähen die Kinder – und oft auch ihre Eltern. Dabei genügt es, per Gentechnik ein einziges Gen „auszuschalten“, damit die angeschnittene Frucht weiß bleibt, lange frisch aussieht.

Bei den Kartoffeln haben urtümlich wirkende verzweigte Knollen und alte Sorten mit ihren typischen, tiefliegenden Augen kaum eine Chance im Handel, weil sie bei der Zubereitung mehr Arbeit machen. Solche mit ungewöhnlichen Formen wie die Hörnchen oder Kipfler mögen noch so hervorragend im Geschmack sein, ist der Ertrag je Pflanze geringer als bei den runden, der Kilopreis somit deutlich höher, werden sie nur selten gekauft. Mit abweichenden Schalenfarben können die Kunden inzwischen leben, doch wenn Kartoffeln auch farbiges, vielleicht noch marmoriertes oder farblich kammerartig geteiltes Fleisch aufweisen, kommen sie ebenfalls gar nicht erst in den Handel. Dabei ist die gesundheitsfördernde Wirkung vieler sekundärer Pflanzeninhaltsstoffe, zu denen auch Farbstoffe wie die Flavonoide gehören, sogar wissenschaftlich belegt. Unsere Erwartungshaltung beim Kauf dieser landwirtschaftlichen Erzeugnisse, aber auch die Zulassungsbedingungen zwingen die Züchtung, will sie nicht bei den hoch variablen alten Sorten bleiben, dem Markt immer ähnlichere, einheitlichere, ertragreichere neue Sorten anzubieten, denn nur die bringen den inzwischen global agierenden Züchtern richtig Geld. Parallel erfolgt eine Konzentration der modernen Sorten auf wenige Grundtypen - ein circulus vitiosus, ein Teufelskreis, den zu durchbrechen wir uns als Einzelpersonen, als Familien, aber offenbar auch als Gesellschaft zu schwach fühlen.

Klonsorten sind dank vegetativer Vermehrungstechniken zwar theoretisch unsterblich, sie können im Laufe der Jahrzehnte ihres Anbaus aber innewohnende Krankheiten wie Phytoplasmen, Virosen etc. anreichern, die ihre Vitalität herabsetzen und schließlich zu Mindererträgen führen. Sie von diesen Abbauerscheinungen und den ursächlichen Krankheiten zu befreien, ist mit hohem Kosten- und Zeitaufwand verbunden, schützt aber nicht vor erneuten Infektionen.

Wie sieht es nun bei den über Saatgut vermehrten Sorten aus? Samenfeste Sorten zeigen oft eine Uneinheitlichkeit, die sich auf die Vermarktung als Gemüse nachteilig auswirkt. Schon bei der Ernte wird vorsortiert, was überhaupt in den Handel kommt: Zu große, beinige, zu kleine und bei der maschinellen Ernte abgebrochene Mohrrüben bleiben gleich auf dem Acker liegen und werden vernichtet, wandern günstigstenfalls ins Tierfutter. So alte Sorten wie die ‘Lange Rote Stumpfe ohne Herz‘ (Deutschland, 1871) können natürlich nur überdauern, wenn sie kontinuierlich erhaltungszüchterisch bearbeitet und dabei verbessert, wenn sie den Anforderungen des Marktes angepasst und stets als frisches, keimfähiges Saatgut in landwirtschaftlich relevanten Mengen reproduziert werden. Doch schon innerhalb einer Handelsklasse in der Größe oder Form abweichende Pflanzen bleiben als Ladenhüter liegen und müssen irgendwann entsorgt werden. Ist das etwa gesund? Als positive Ausnahmen seien Porree, Sellerie und Kopfkohl genannt, von denen man je nach Bedarf noch zwischen kleineren und größeren Exemplaren wählen kann, seltener auch Teilstücke erhält. Die Züchtung hat jetzt auf den begrenzten Bedarf individueller Verbraucher insofern reagiert, als sie ergänzend zum Standard neuerdings eher kleine Produkte gesondert vermarktet, etwa Drillinge bei den Kartoffeln, Mini-Brokkoli und Zwerg-Blumenkohl, Mini-Gürkchen und Mini-Möhrchen für Mini-Familien und Ein-Personen-Haushalte beispielsweise. Gern gekauft werden ja auch portionsweise abgepackte, tischfertig zubereitete Salate, Keimsprossen und Gewürzkräuter. Warum also nicht den Wünschen der Verbraucher*innen entgegenkommen?

Der Trend zu mehr Einheitlichkeit bei Gemüse bleibt jedoch ungebrochen. So nimmt es auch nicht wunder, dass die Gemüsezüchter mit ihren meist viel kurzlebigeren Pflanzen dem Idealbild der Klonsorte nacheifern. Vorwiegend selbstfruchtbare Arten mit geringen spontanen Kreuzungsraten von wenigen Prozent wie beispielsweise Erbse, Gartenbohne, Linse, Feld- und Garten-Salat können züchterisch leichter bearbeitet und sortenrein vermehrt werden als fakultativ oder gar obligat fremdbefruchtende Arten. Fakultative Fremdbefruchter setzen auch dann Saatgut an, wenn keine Pollen eines Kreuzungspartners derselben Art rechtzeitig auf die Narbe der Blüte gelangen. Paprika, Raps und Tomaten seien hier stellvertretend genannt. Der Übergang zu den eher obligaten Fremdbefruchtern, deren Blüten absterben und keine Samen bilden, wenn keine Fremdbestäubung erfolgt, ist fließend. Extrem streng fremdbefruchtend sind zweihäusige Pflanzenarten. Das sind solche, bei denen es normalerweise rein männliche und rein weibliche Pflanzen gibt. Das ist z.B. beim Spinat der Fall und für die Züchtung, aber auch für die Landwirte ärgerlich, weil die männlichen Pflanzen schmächtiger sind und früher sterben als die weiblichen. Um einheitliche Feldbestände zu bekommen, haben die Züchter inzwischen einhäusige Spinat-Sorten wie ‘Monnopa‘ geschaffen. Nebenbei ist ihnen auch noch gelungen, die dornigen Hörner auf den Früchten „wegzuzüchten“, die die maschinelle wie die Hand-Aussaat erheblich behindern. Wie sie das gemacht haben, dürfte ihr gut gehütetes Betriebsgeheimnis bleiben, wie überhaupt wenig zu finden ist über die Ursprünge und die Stammbäume von Gemüsesorten. Bei strengen Fremdbefruchtern wie Feuerbohne, Gemüse-Kohl, Mais, Möhre, Radieschen und Rettich, aber auch bei der Küchenzwiebel reifen Narbe und Staubfäden in der Blüte nicht gleichzeitig, um die Selbstbefruchtung zuverlässig auszuschließen. Kürbisarten sind zwar auch einhäusig, haben aber getrenntgeschlechtige Blüten an einer Pflanze, rein männliche, meist lang gestielte und kurz gestielte rein weibliche. Bei Selbstbefruchtern hingegen reifen Pollen und Narbe gleichzeitig, und die Bestäubung erfolgt häufig schon, bevor sich die Blüten öffnen. Meist bildet eine einzelne, isoliert stehende Pflanze eines Fremdbefruchters „aus Verzweiflung“ dann doch einige wenige Samen aus. Daraus wachsen für die Sorte eher untypische Pflanzen mit geringerer Vitalität heran, deren Schwäche erst bei erneuter Kreuzung mit weniger eng verwandten Pflanzen der gleichen Art überwunden werden kann. Diese Eigenschaft der Fremdbefruchter macht ihre züchterische Bearbeitung, aber auch die Vermehrung von Saatgut kompliziert, weil hier technisch aufwendige und teure Bestäubungs- und Isoliertechniken angewendet werden müssen. 

Trotzdem setzen heute viele Züchter ihren Ehrgeiz daran und sind mit Hilfe der Hybridzüchtung auch in der Lage dazu, Saatgut äußerlich und in der stofflichen Zusammensetzung beinahe identischer Pflanzen herzustellen. Wie gehen sie dabei methodisch vor? Am Anfang der Prozedur steht die Inzucht mit ihren bereits oben am Beispiel des Obstes genauer beschriebenen Folgen. Die Selbstung oder wiederholte Kreuzung möglichst ähnlicher Geschwisterpflanzen wird über mehrere, mindestens aber sieben Generationen betrieben. Bei fast allen Organismen führt das zur sogenannten Inzuchtdepression, die auch beim Menschen auftritt: Denkt man nur an das eine oder andere berühmte Adelsgeschlecht, finden sich in dessen Genealogie derartige Fälle mitunter sogar gehäuft. Selbst bei der Rassetierzucht werden daher immer wieder fremde Blutlinien eingekreuzt, um den unerwünschten negativen Inzuchterscheinungen entgegenzuwirken. Nichts Anderes tut der Hybridzüchter, wenn er die Nachkommen der einen, unter normalen Bedingungen kaum mehr lebensfähigen und extrem ertragsschwachen Inzuchtlinie mit jenen einer weiteren kreuzt, die in ihrer Vitalität ähnlich beschaffen ist. Der „Hybrideffekt“, der in der ersten Filial- oder Folgegeneration (F1) auftritt, besteht nun darin, dass die Wuchsleistung und der Ertrag oft höher ausfallen als bei der samenechten Ausgangssorte. Die Wissenschaft tut sich schwer mit einer Erklärung für die auch als „Bastardwüchsigkeit“, „Heterosis“ oder „Kombinationseffekt“ beschriebene Erscheinung. Dabei ist es doch einfach wie ein Aufatmen, wie eine Befreiung aus den unnatürlichen Zwängen der Inzucht. Verglichen mit den eingangs aufgeführten Klonsorten, ist eine Hybridsorte so alt wie die erste Kombination, aus der sie hervorging – und bleibt wegen der immer gleichen Ausgangslinien theoretisch ewig jung. 

Was die Züchter nicht besonders hervorheben, sind die unterschiedlichen Inhaltsstoffgehalte samenfester im Vergleich mit Hybridsorten. Letztere erbringen merkwürdigerweise mehr Masse, aber weniger ernährungsphysiologisch bedeutsame Substanz. Die Qualität der Aromen, die Quantität sekundärer Pflanzeninhaltsstoffe, all dies dürfte neben der Maximierung der Erträge – ohne zusätzliche Düngung – bei der Festsetzung zeitgemäßer Zuchtziele gern mehr Aufmerksamkeit erfahren als Krankheits-Toleranz und Resistenzen, die eben aufgrund der Masse fast identischer Pflanzen im Anbau früher oder später zwangsläufig zusammenbrechen müssen. Der Praxistest beweist, dass in den heterogenen Pflanzenbeständen einer samenfesten Sorte, besser noch in Mischpflanzungen verträglicher Arten, die Bestände auch ohne “Pflanzenschutz“ gesünder sind, weil Krankheitserreger und Schädlinge zur Stetigkeit neigen: Sie agieren eher konservativ und bleiben vorzugsweise auf einer Pflanze, gehen halt notfalls auf Nachbarpflanzen über, aber nur, wenn diese möglichst ähnlich „schmecken und riechen“. Weniger mobile Arten lassen sich von ihren Wirten an die besten Futterstellen tragen, beispielsweise Blattläuse von den sie melkenden Ameisen. Zu dichte Bestände, in denen sich die Pflanzen gegenseitig berühren, fördern ebenfalls die Ausbreitung und Massenvermehrung von Schädlingen, wie uns der Blick in ein verlaustes Rapsfeld lehrt. Natürlich gibt es auch sehr agile, wenig wählerische Tierarten, wie die Züge der gefürchteten Wanderheuschrecken eindrucksvoll belegen. 

Gegenwärtig verliert der seit Jahrzehnten intensiv betriebene chemische Pflanzenschutz zusätzlich zu seinem ursprünglich positiven Image in der Gesellschaft auch in der Natur an Rückhalt: Bedeutende Schädlinge wie die Wanderheuschrecke entwickeln inzwischen ebenso wie bestimmte Blattläuse und manch andere „Schadinsekten“ Resistenzen gegen Insektizide, die einen Wechsel der Mittel erforderlich machen. Parallel dazu erwerben einige Unkräuter Resistenzen gegen Herbizide, und die Wirksamkeit von Fungiziden beim Einsatz gegen manche Pilzerkrankungen lässt ebenfalls deutlich nach. Dennoch werden diese Mittel weiterhin ausgebracht, sogar in höherer Dosierung und in neuen Formulierungen, sprich in wechselnden, die Wirksamkeit erhöhenden Mischungen mit anderen Mitteln. Kein Mensch weiß, wie schnell die Gifte in der Natur ab- oder umgebaut werden, ob sie miteinander reagieren, vielleicht sogar zu weit toxischeren Substanzen führen als zuvor ausgebracht worden sind. Rückstandsanalysen ergeben, dass manches Obst und Gemüse weit weniger gesund sein dürfte, als das tadellose Aussehen verspricht. Packungsbeilagen fehlen, und weder Arzt noch Apotheker können zu den Nebenwirkungen befragt werden, die wir nach dem fortgesetzten Konsum bestimmter „Lebensmittel“ verspüren. Hier empfiehlt es sich, Verbraucherschutz hin oder her, auf den eigenen Körper zu hören und die uns in der Zivilisation weitgehend aberzogenen Instinkte nicht zu unterdrücken. Kann für den Menschen gesund und gesundheitsfördernd sein, was die meisten Insekten, was Pilze und Unkräuter wenn nicht zuverlässig abtötet, dann mindestens schwer schädigt? 

Noch ein gesundheitlicher Aspekt verdient es, an dieser Stelle erwähnt zu werden. Vor dem Chemiezeitalter wurde fast nur organisch gedüngt, jedenfalls nicht mit synthetischen Stoffen. Darauf sind wir bereits in dem Beitrag „N, P und K – drei Buchstaben verändern die Welt“ eingegangen und auf die umweltverträgliche Wirtschaftsweise des Humus-Aufbaus mittels Kompostwirtschaft, insbesondere mit Hilfe der von uns favorisierten Mulchtechnik. Zehn Jahrtausende lang wurde ökologisch gewirtschaftet, auch wenn dieser Begriff erst knapp 200 Jahre alt ist. Die Erde wird zwar nie wieder so sein, wie wir selbst sie vorgefunden haben, doch unsere Kinder, Enkel und alle weiteren menschlichen Generationen, mögen sie auch noch so technikaffin sein, sie werden auf gesunde, lebende Tiere, auf vitale Pflanzen, Pilzen und Mikroben, werden für ihre pure Existenz auf all die vielfältigen Ökosysteme unmittelbar angewiesen sein.

„Alte Sorten“ sind gegenwärtig nur ein winziger Puzzlestein in dem riesigen Bild einer intakten Kulturlandschaft. Wenn wir im Anbau jetzt wieder verstärkt auf samenfeste Sorten setzen, wenn wir die Saatgutgewinnung selbst in die Hand nehmen und eine Anpassung der Kulturpflanzen an lokale Bedingungen, aber auch an menschliche Bedürfnisse zulassen, ja fördern, dann schaffen wir eine wesentliche Grundvoraussetzung für eine zukunftsfähige Landbewirtschaftung. Die Vielfalt auf den von uns bewirtschafteten Flächen wird merklich zunehmen, wird sich neue Bahnen brechen. Abstrakt betrachtet, werden zum Beispiel heute selten beobachtete Unkrautarten wieder häufiger auftreten, weil wir sie tolerieren. Dann können sie z.B. ihre Wirkung als Antagonisten von Schädlingen entfalten. Außerdem schätzen wir ihren Wert als Nahrungspflanzen für bestimmte Insekten – von denen sich wieder Eidechsen, Fledermäuse, Igel, Kröten, Singvögel, Spinnen, Spitzmäuse und viele andere Tiere ernähren. Die Tierwelt wird die „Unkräuter als Indikatoren für eine gesunde Landwirtschaft“ – so der Titel einer demnächst beginnenden Serie hier auf unserer Webseite – für vom Menschen bewirtschaftete, aber nicht ausgebeutete Lebensräume zu nutzen wissen und sich überall dort einfinden, wo die Bedingungen für sie annehmbar sind. Wenn wir als Menschen in der Lage sind, insbesondere die wertvollen und die wirklich schönen, interessanten Unkrautarten in der Agrarlandschaft beinahe auszurotten – sollte es uns dann nicht auch gelingen, sie gezielt wieder dort zu fördern oder gar anzusiedeln, wo wir sie als Indikatoren oder als Zeigerarten für die Vielfalt und als Flaggschiffe für eine gesundheitsbewusste Landbewirtschaftung einsetzen können?

Wenn nicht nur in den Gärten, sondern auch wieder auf den Äckern Leben, d.h. Vielfalt einzieht, wenn Unkräuter nicht nur an den Feldrändern stehen dürfen, wenn nicht eine oder zwei, sondern vielleicht 70 oder 80 Unkrautarten sogar in das Innere der riesigen Schläge vordringen können, vielleicht sogar bewusst mit den eigentlichen Kulturpflanzen eingesät werden, um schwer bekämpfbare Problemunkräuter zu unterdrücken, dann werden die Insekten zurückkehren und mit ihnen die bodenbrütenden Vögel, dann wird so mancher Eintrag in die Roten Listen der gefährdeten, verschollenen oder gar ausgestorbenen Arten gestrichen werden können; und nicht nur der Mensch wird sich in einer solchen Agrarlandschaft gern aufhalten wollen und gut erholen können, er wird von seinen Spaziergängen ungestraft der Jahreszeit entsprechende bunte Sträuße selbst gepflückter Feldblumen mit nach Hause tragen und sich an ihnen erfreuen können, als weithin sichtbare Zeichen einer geglückten Agrarwende.

Black Turtle – Alte Sorten für junges Gemüse – ist ein Projekt von Ackerdemia e. V., gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) im Rahmen des Verbundvorhabens “Alte Sorten für junges Gemüse“ zusammen mit dem BUND Brandenburg.